Autorin Eva Jirsa

meine Werke - Kurzgeschichten - Mit Arschbombe


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Bitte beachtet, dass dieser Text für eine Firma geschrieben wurde und diese (neben mir) auch die Rechte hält!

Mit Arschbombe ins ruhige Wasser

Da standen wir (Sibylle, Eva und Manuel) am 16.März 2020 in Villach, nachdem wir die Regale geputzt und gefühlte 100 Paletten aus den City Arkaden und dem ZLAG verräumt hatten, und starrten gebannt in Manuels Handy. Eigentlich wollten wir mit einer dreitägigen Eröffnungsparty samt Winzerbesuch (Sabathi, Mayer am Pfarrplatz, Netzl…) am 19. März eröffnen. Wir hatten schon euphorisch Anlauf genommen und sprangen ab…

Stattdessen wurde das ganze Land auf Eis gelegt… LOCKDOWN!

Doch wer jetzt glaubt, dass wir alles stehen und liegen haben lassen, der irrt! Weitere fünf Tage haben wir den Shop "aufgehübscht", Preisschilder gedruckt, das Büro eingerichtet, und alle Weine sicher noch zwei-, wenn nicht dreimal, umgestellt.

Als Willi dann feierlich das Rote Band zerschnitt, konnte es los ENDLICH losgehen. Die ersten Tage wurden wir gestürmt, sodass sogar Thomas und Martina mitbedienen mussten (obendrein hatten sich die Aktionen aus den Kassen verabschiedet - ohne Kinderkrankheiten geht's eben nicht ;-) )! Es war eine perfekte Arschbombe mit lautem Platschen und hohen Wellen geworden.

Auch wenn unser Shop darauf in den ersten Wochen nur zaghaft von Kunden aufgesucht wurde, genossen alle diese Menge an Platz und Helligkeit, die wir hier haben.

Bald trudelte auch der "Weingarten" ein, den wir zwei Sommer lang haben durften. Leider hat da uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, weil sich nur Stammkunden trauten Platz zu nehmen, und wir mussten ihn samt Speisen und "Küchenzubehör" zurück nach Wien schicken.

Dafür wurde der Ausschank gerne angenommen! Wir fanden dadurch neue Kunden und anscheinend hatten die uns sehnlichst erwartet. Einerseits, weil die heimkehrenden Studenten von uns in Wien und Graz schwärmen, andrerseits, weil ein paar Leute verschlafen hatten, dass wir mit einer zweiten Filiale in Klagenfurt (KVK) schon vor Ort waren, als KLA geschlossen worden war.

Der erste Winter in Villach war allerdings schräg: Es war der 2. Lockdown und kaum einer hatte gedacht, dass wir offen hatten. Die Kunden schlichen schüchtern zu unserem Eingang, um dann erschreckt festzustellen, dass sie doch TATSÄCHLICH Wein kaufen konnten! - Und dass Wein als (seelisches) Grundnahrungsmittel zählt, begeisterte sie um so mehr.

Mittlerweile hat sich alles eingependelt, das Wasser beruhigt sich und man merkt: In der Narrenhochburg Österreichs stehen nur wenige früh auf, um sich ihre Flascherln Wein zu holen; lieber nutzen sie den Abend ab vier und nehmen ihn diretissima nachhause mit. Dass laut EU schon vor Jahren die mittägliche Siesta abgeschafft wurde, ging an den Villachern spurlos vorüber. Scheint ein Nebeneffekt zu sein, weil wir nur wenige Minuten von Italien entfernt sind… Passend dazu bekommen wir von unserem Nachbarn Dehner alle Jahre wieder eine hübsche Hanfpalme und einen Olivenbaum zur Fassade gestellt, die ihr hin und wieder in Zoom-Meetings bei uns im Hintergrund sehen könnt.

Diese "Mittagsruhe" nützen dann jene Kunden, die in unsere Nähe einen Zweitwohnsitz haben, um die verdunsteten Weinbestände in ihren Kellern wieder aufzufüllen, oder Leute der Infineon, die ihre Nachtschicht ausklingen lassen wollen.

Ich bin schon gespannt, was uns die kommenden Jahre noch bringen, weil man sagt ja nicht umsonst: "Ruhige Wässer sind tief."

© WEIN&CO und Eva Jirsa 2022-06

(kleine Anmerkung am Rande: die Kürzel ZLAG, KVK und KLA sind WEIN&CO-interne Ortsbezeichnungen)